DATUM
27.4.2026
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THEMEN
Klimamanagement
Best Practices
Governance & Regulatorik
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Die Science Based Targets initiative (SBTi) hat im April 2026 eine methodische Änderung veröffentlicht, die auf den ersten Blick technisch wirkt – in der Praxis aber erhebliche Auswirkungen auf Unternehmensziele, Dekarbonisierungspläne und interne Investitionsentscheidungen haben kann.
Konkret geht es um die Berechnung der Mindestambition absoluter Emissionsreduktionsziele, insbesondere für Scope 1 und Scope 2. Bisher orientierten sich viele Zielpfade faktisch an einem standardisierten Reduktionspfad ab 2020. Für Unternehmen mit jüngeren Basisjahren führte dies teilweise zu sehr steilen Reduktionsanforderungen bis 2030. Mit der aktualisierten Logik wird der jährliche Reduktionspfad nun dynamischer berechnet – abhängig von Basisjahr, Zieljahr und dem verbleibenden Zeitraum bis zum Net-Zero-Pfad. Die SBTi beschreibt, dass die Reduktionsrate dynamisch anhand der verbleibenden Zeit bis zum Net-Zero-Jahr angepasst wird; für Scope 2 wird zusätzlich angenommen, dass Stromemissionen bis 2040 auf null sinken.
Für Unternehmen ist das keine rein methodische Fußnote. In Einzelfällen kann die Mindestanforderung deutlich sinken – in anderen Konstellationen kann sie steigen. Genau deshalb sollte jede Organisation, die aktuell SBTi-Ziele vorbereitet, einreicht oder intern diskutiert, ihre Zielpfade neu prüfen.
Die Science Based Targets initiative ist der zentrale internationale Standardsetzer für wissenschaftsbasierte Klimaziele von Unternehmen. Sie entwickelt Standards, Kriterien, Tools und Leitlinien, mit denen Unternehmen Treibhausgasreduktionsziele festlegen können, die mit dem Ziel vereinbar sind, die Erderwärmung zu begrenzen und spätestens bis 2050 Net Zero zu erreichen.
SBTi-Ziele sind deshalb für Unternehmen relevant, weil sie nicht nur eine externe Glaubwürdigkeitsfunktion erfüllen. Sie beeinflussen zunehmend:
Mit über 10.000 Unternehmen mit validierten Science-Based Targets und mehr als 13.000 Unternehmen mit Targets oder Commitments ist SBTi längst kein Nischenstandard mehr, sondern ein Referenzrahmen für Unternehmensklimaziele.
Der Kern der Änderung liegt in der Absolute Contraction Approach (ACA), also der Methode, mit der absolute Emissionsreduktionsziele berechnet werden.
Bisher wurde für Scope 1 und 2 häufig mit einer Mindestanforderung von 4,2 % linearer Reduktion pro Jahr gearbeitet. Bei Basisjahren ab 2020 konnte dies zu sehr steilen Zielpfaden führen, weil die Reduktion bis 2030 oder zu einem nahen Zieljahr stark komprimiert wurde. In der aktualisierten Fassung bleibt 4,2 % pro Jahr weiterhin eine zentrale Mindestgröße für Scope 1 und 2; neu ist jedoch, dass die Reduktionsrate zusätzlich dynamisch an die verbleibende Zeit bis zum relevanten Net-Zero-Pfad gekoppelt wird.
Für Scope 2 ist die Änderung besonders relevant: Die SBTi geht nun im Rahmen der Berechnungsanpassung davon aus, dass Scope-2-Emissionen bis 2040 auf null reduziert werden. Für Scope 1 bleibt die Annahme einer mindestens 90-prozentigen Reduktion bis 2050 oder früher bestehen. Bei kombinierten Scope-1+2-Zielen wird die Zielambition anhand einer gewichteten durchschnittlichen Reduktionsrate berechnet – basierend auf dem Scope-1- und Scope-2-Emissionsprofil des Unternehmens im aktuellsten Berichtsjahr.
Früher war die Zielberechnung stärker durch einen einheitlichen, teilweise ab 2020 gedachten Reduktionspfad geprägt. Jetzt rückt stärker die Frage in den Vordergrund:
Wie viel Zeit bleibt dem Unternehmen ab seinem Basis- bzw. aktuellsten Emissionsjahr bis zum relevanten Net-Zero-Pfad – und welche lineare Reduktionsrate ergibt sich daraus mindestens?
Das klingt abstrakt, ist aber in der Praxis entscheidend. Denn ein Unternehmen mit Basisjahr 2025, Zieljahr 2031 und Net-Zero-Ziel 2045 kann nun zu einem anderen Mindestziel kommen als unter der früheren Logik. Die SBTi weist in den Kriterien weiterhin darauf hin, dass Near-Term Targets 5 bis 10 Jahre ab Einreichung abdecken müssen; Zieljahr, Basisjahr und aktuellstes Inventar sind damit nicht nur formale Angaben, sondern zentrale Parameter der Zielambition.
Für absolute Ziele ist die Grundlogik einfach: Ein Unternehmen definiert ein Basisjahr, berechnet seine Emissionen in diesem Jahr und legt einen Zielzeitraum fest. Anschließend wird berechnet, wie stark die Emissionen bis zum Zieljahr mindestens sinken müssen.
Eine vereinfachte Formel lautet:
Zielreduktion = jährliche Reduktionsrate × Anzahl der Jahre zwischen Basisjahr und Zieljahr
Beispiel nach früher häufig verwendeter Logik:
Wenn das Basisjahr aber 2025 ist und ein Unternehmen dennoch sehr kurzfristig ein 2030- oder 2031-Ziel setzen muss, entsteht unter einer starren Logik ein steiler Pfad. Genau hier setzt die aktualisierte SBTi-Logik an: Die Reduktionsrate wird dynamisch danach angepasst, wie viel Zeit bis zum relevanten Net-Zero-Pfad bleibt. Die aktualisierte Fassung nennt weiterhin 4,2 % pro Jahr für Scope 1 und Scope 2 sowie 2,5 % für Scope 3 als Ausgangspunkt, ergänzt diese aber um die dynamische Anpassung.
Ein stark diskutiertes Beispiel aus der Praxis: Ein Unternehmen mit Basisjahr 2025 und Zieljahr 2031 hatte unter der bisherigen Berechnungslogik eine Scope-1+2-Mindestambition von rund 46 %. Nach der aktualisierten Logik fiel die Mindestambition auf rund 27 %.
Der Unterschied lässt sich vereinfacht so erklären:
Wichtig: Das bedeutet nicht, dass alle Ziele automatisch weniger ambitioniert werden. Unternehmen, die bereits starke Reduktionen erreicht haben, deren Scope-2-Anteil hoch ist oder die ein früheres Net-Zero-Jahr wählen, können weiterhin ambitionierte oder sogar strengere Zielpfade erhalten.
Der folgende Rechner ist kein Ersatz für das SBTi-Validation-Portal und bildet nicht alle offiziellen Spezialfälle ab. Er zeigt aber, wie stark Basisjahr, Zieljahr, Net-Zero-Jahr und Scope-1-/Scope-2-Mix die erwartete Mindestambition verändern können.
Ein zentraler Punkt der Aktualisierung: Scope 1 und Scope 2 folgen nicht mehr zwingend derselben rechnerischen Logik.
Scope 1 umfasst direkte Emissionen aus eigenen Anlagen, Fahrzeugen oder Prozessen. Für diese Emissionen bleibt die langfristige Net-Zero-Logik im Kern bei einer mindestens 90-prozentigen Reduktion bis 2050 oder früher. Scope 2 hingegen steht für eingekauften Strom, Wärme oder Kälte. Hier nimmt die SBTi im Rahmen der Anpassung an, dass die globale Stromerzeugung bis 2040 dekarbonisiert wird. Deshalb können Scope-2-Reduktionsraten rechnerisch höher ausfallen als Scope-1-Raten.
Das ist besonders relevant für Unternehmen mit hohem Stromanteil im Footprint. Je höher der Scope-2-Anteil, desto stärker kann die 2040-Logik das kombinierte Scope-1+2-Ziel beeinflussen.
Die Änderung kann für Unternehmen kurzfristig entlastend wirken. Wenn ein bisher diskutierter Zielpfad deutlich ambitionierter war als die neue Mindestanforderung, entsteht intern schnell die Frage:
Sollten wir das Ziel jetzt absenken?
Aus Beratungssicht ist genau das der kritische Punkt. Denn SBTi-Mindestambition ist nicht automatisch gleichbedeutend mit unternehmerisch sinnvoller Klimastrategie. Wenn Dekarbonisierungsmaßnahmen bereits einen belastbaren Business Case haben – etwa durch geringere Energiekosten, geringere CO₂-Preisrisiken, geringere Abhängigkeit von fossilen Energieträgern oder bessere Ausschreibungschancen –, sollten sie nicht nur deshalb gestrichen werden, weil die Mindestanforderung rechnerisch sinkt.
Der bessere Umgang mit der Änderung ist daher nicht: „Wie niedrig dürfen wir gehen?“
Sondern: Welche Zielambition ist strategisch, finanziell und operativ sinnvoll – und wie begründen wir sie sauber?
Unternehmen, die aktuell SBTi-Ziele entwickeln oder einreichen wollen, sollten ihre Zielsetzung nicht isoliert neu berechnen, sondern in fünf Schritten überprüfen:
Besonders relevant ist das Update für Unternehmen, die:
Die SBTi-Kriterien sehen vor, dass Targets grundsätzlich mit der neuesten Version der genehmigten Methoden und Tools modelliert werden müssen. Targets, die mit früheren Tool- oder Methodenständen modelliert wurden, können nur innerhalb von sechs Monaten nach Veröffentlichung der überarbeiteten Methode oder sektorspezifischen Tools zur Validierung eingereicht werden.
Das bedeutet: Unternehmen sollten nicht einfach davon ausgehen, dass bisher vorbereitete Zielpfade unverändert eingereicht werden können. Gleichzeitig ist eine automatische Absenkung auf die neue Mindestambition strategisch nicht immer sinnvoll.
Für Dr. Florian Niedermeier, SBTi- und Net-Zero-Standard-zertifizierter Experte bei Five Glaciers Consulting, zeigt das Update vor allem eines: Zielsetzung und Umsetzung müssen stärker zusammen gedacht werden.
Die neue Berechnungslogik kann Unternehmen kurzfristig entlasten. Sie sollte aber nicht dazu führen, dass wirtschaftlich sinnvolle Dekarbonisierungsmaßnahmen zurückgestellt werden. Entscheidend ist nicht nur, welches Ziel gerade noch validierbar ist – sondern welcher Zielpfad strategisch tragfähig bleibt.
Der Punkt ist zentral: SBTi-Ziele entfalten dann Wirkung, wenn sie nicht isoliert im Nachhaltigkeitsteam entstehen, sondern in Investitionsplanung, Energiebeschaffung, Produktionsstrategie und Lieferantenmanagement übersetzt werden. Das aktuelle SBTi-Update zeigt, wie sensibel Unternehmensklimaziele auf methodische Änderungen reagieren. Für viele Unternehmen kann die Mindestambition sinken. Für andere kann sie gleich bleiben oder in einzelnen Komponenten steigen. In jedem Fall gilt: Die neue Logik verändert nicht nur Excel-Modelle, sondern interne Diskussionen über Machbarkeit, Investitionen und Ambition.
Unternehmen sollten die Änderung deshalb nicht als Einladung verstehen, ihre Klimastrategie mechanisch abzusenken. Vielmehr ist jetzt der richtige Zeitpunkt, Zielpfade neu zu berechnen, Maßnahmenpläne wirtschaftlich zu bewerten und die eigene Ambition strategisch zu kalibrieren.
Die entscheidende Frage lautet nicht: Was ist das niedrigste validierbare Ziel?
Sondern: Welcher Zielpfad ist wissenschaftlich belastbar, wirtschaftlich sinnvoll und organisatorisch umsetzbar?

Governance & Regulatorik

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