Glossar

GHG-Protokoll (Greenhouse Gas Protocol)

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GHG-Protokoll (Greenhouse Gas Protocol)

DATUM

23.09.2026

AUTOR

Dr. Merlin C. Köhnke

Dr. Merlin C. Köhnke

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Das GHG Protocol — auf Deutsch Treibhausgasprotokoll — ist der weltweit am häufigsten genutzte Standard für die Bilanzierung und Offenlegung von Treibhausgasemissionen. Herausgegeben vom World Resources Institute und vom World Business Council for Sustainable Development, teilt es Emissionen in Scope 1, 2 und 3 ein und deckt die sieben Treibhausgase des Kyoto-Protokolls ab.

Abgrenzung: GHG Protocol, ISO 14064-1 und ISO 14067

Die häufigste Verwechslung im Projektalltag ist die zwischen Methodik und Norm. Das GHG Protocol sagt, wie gerechnet wird; die ISO-Normen sagen, was ein Prüfer am Ende sehen muss. Beides schließt sich nicht aus — die meisten Unternehmen mit geprüftem Inventar nutzen beides nebeneinander.

MerkmalGHG ProtocolISO 14064-1ISO 14067
Was es istBilanzierungs- und Berichtsmethodik für TreibhausgaseNorm mit prüfbaren Anforderungen an ein OrganisationsinventarNorm für den Product Carbon Footprint über den Lebenszyklus
BezugsebeneOrganisation und WertschöpfungsketteOrganisationEinzelnes Produkt
Rolle im ProjektLegt fest, wie gerechnet wirdLegt fest, was ein Prüfer sehen mussLegt fest, wie ein Produktwert entsteht und ausgewiesen wird
Typischer AuszugInventar nach Scope 1, 2 und 3, Scope‑2‑Dual‑ReportingAuditierbares Inventar samt Verifizierungsaussage nach ISO 14064-3PCF-Wert mit dokumentierten Systemgrenzen
Status 2026Corporate Standards in ÜberarbeitungWird mit den Corporate Standards zusammengeführtVon der Zusammenführung nicht betroffen

Die Standards-Suite: mehr als die drei Scopes

„Nach GHG Protocol bilanziert“ ist keine präzise Aussage, solange offen bleibt, welcher Standard gemeint ist. Die Suite besteht aus mehreren Dokumenten mit unterschiedlichem Reifegrad, und genau dieser Reifegrad hat sich 2026 an mehreren Stellen verändert.

StandardRegeltStand (September 2026)
Corporate Accounting and Reporting StandardFundament jedes Unternehmensinventars: Bilanzgrenzen, Scopes, BerichtsanforderungenRevidierte Fassung 2015, derzeit in Überarbeitung
Scope 2 GuidanceDual-Reporting mit zwei Pflichtwerten, marktbasiert und standortbasiert, samt Herkunftsnachweisen und ResidualmixKonsultation abgeschlossen, rund 1.100 Rückmeldungen aus 56 Ländern
Corporate Value Chain (Scope 3) StandardDie 15 Scope-3-Kategorien entlang der Wertschöpfungskette, flankiert von der Technical GuidanceIn Überarbeitung
Product Life Cycle StandardProduktbezogene Bilanzierung über den Lebenszyklus, LCA-basiertUnverändert in Kraft
Land Sector and Removals StandardLandnutzung, Landnutzungsänderung, biogene Flüsse und CO₂-EntnahmenVeröffentlicht 30.01.2026, Version 1.1 seit Juni 2026, Geltungsbeginn 01.01.2027
Actions and Market Instruments StandardMaßnahmen und Marktinstrumente, künftig als eigener BerichtsteilIn Entwicklung

Für die Praxis ist der Land Sector and Removals Standard der greifbarste Punkt: Er ist seit dem 30. Januar 2026 veröffentlicht, liegt seit Juni 2026 in Version 1.1 vor und gilt ab dem 1. Januar 2027. Unternehmen mit land- oder forstwirtschaftlichen Vorketten — Lebensmittel, Textil, Verpackung, Holz — haben damit einen konkreten Stichtag im Kalender, der in vielen Bilanzierungsprojekten noch nicht eingeplant ist.

Scope 1, 2 und 3: was das Protokoll festlegt

Das GHG Protocol ordnet jede Emission genau einem von drei Bereichen zu. Scope 1 sind direkte Emissionen aus eigenen oder kontrollierten Quellen, etwa aus Heizkesseln und dem eigenen Fuhrpark. Scope 2 sind indirekte Emissionen aus eingekaufter Energie — Strom, Wärme, Kälte, Dampf. Scope 3 umfasst alle übrigen indirekten Emissionen der Wertschöpfungskette, aufgeteilt in 15 Kategorien.

Eine Besonderheit wird regelmäßig übersehen: Für Scope 2 verlangt das Protokoll zwei Werte nebeneinander. Der standortbasierte Wert rechnet mit dem durchschnittlichen Strommix des Netzes, der marktbasierte Wert mit den tatsächlich beschafften Vertragsinstrumenten. Wer nur einen der beiden ausweist, berichtet unvollständig — und das fällt spätestens in der Prüfung auf.

Methodische Grundlagen: Prinzipien, Datenqualität, Neuberechnung

Der Corporate Standard verlangt, dass ein Inventar fünf Prinzipien genügt: Relevanz, Vollständigkeit, Konsistenz, Transparenz und Genauigkeit. Das klingt abstrakt, hat aber drei sehr konkrete Konsequenzen.

Datenhierarchie. Primäre, lieferantenspezifische Daten haben Vorrang; erst danach kommen branchen- oder länderspezifische Faktoren, zuletzt generische Datenbanken. Jede Stufe muss dokumentiert und in ihrer Qualität bewertet werden. Bilanzgrenze. Vor der ersten Zahl steht die Entscheidung zwischen Kontroll- und Anteilsansatz; sie bestimmt, welche Beteiligungen überhaupt ins Inventar gehören. Neuberechnung des Basisjahres. Bei Zukäufen, Verkäufen, Methodenwechseln oder wesentlichen Datenkorrekturen ist das Basisjahr neu zu rechnen, sonst ist der Trend nicht mehr aussagefähig.

Wie ein Inventar praktisch entsteht

Die Reihenfolge entscheidet über den Aufwand. Fast jeder teure Umweg in Bilanzierungsprojekten entsteht dadurch, dass eine frühe Weichenstellung nachgeholt werden muss, nachdem bereits Daten erhoben wurden.

SchrittZu entscheiden istHäufiger Fehler
1. BilanzgrenzeKontroll- oder Anteilsansatz, und welche Beteiligungen darunterfallenWird erst festgelegt, wenn die Daten schon gesammelt sind
2. BasisjahrWelches Jahr als Referenz dient und wann neu gerechnet wirdNeuberechnungsregel nicht dokumentiert, Zeitreihe nach dem ersten Zukauf wertlos
3. Scope 1 und 2Datenquellen für Brennstoffe und eingekaufte Energie, inklusive VertragsinstrumentenNur ein Scope-2-Wert statt beider Pflichtwerte
4. Scope 3 screenenWelche der 15 Kategorien wesentlich sind, bevor gerechnet wirdAlle 15 gleich tief bearbeitet, Aufwand ohne Erkenntnisgewinn
5. PrüffähigkeitOb und wann extern verifiziert wirdErst nach dem ersten Bericht gefragt, Nachweise fehlen rückwirkend

Besonders unterschätzt wird Schritt 4. Das Protokoll verlangt für Scope 3 kein vollständiges Durchrechnen aller 15 Kategorien, sondern eine begründete Wesentlichkeitsentscheidung. Ein sauberes Screening vorab kostet wenige Tage und spart in der Regel mehr Erhebungsaufwand, als die feinste Rechenmethode je einbringt.

Was sich gerade ändert: die Zusammenführung mit ISO 14064-1

Am 29. Juli 2026 hat das GHG Protocol angekündigt, seine Corporate Standards — Scope 1, Scope 2, Scope 3 und Marktinstrumente — mit ISO 14064-1 zu einem einzigen globalen Standard zusammenzuführen, der die Namen beider Organisationen tragen soll. Die Scope-2-Konsultation ist abgeschlossen, der Standard zu Maßnahmen und Marktinstrumenten in Entwicklung, und eine integrierte öffentliche Konsultation zum künftigen Corporate Standard ist für das zweite Quartal 2027 angekündigt.

Unsere Einschätzung: Wer heute vor der Frage steht, ob er sein Inventar am GHG Protocol oder an ISO 14064-1 ausrichtet, sollte diese Entscheidung nicht mehr als strategische Weichenstellung behandeln. Sie läuft auf denselben Punkt zu. Dagegen spricht, dass bis zur Veröffentlichung des gemeinsamen Standards noch mehrere Jahre vergehen und die heutigen Fassungen bis dahin unverändert gelten — wer jetzt ein Zertifikat nach ISO 14064-1 braucht, braucht es nach der heutigen Fassung. Dafür spricht, dass Investitionen in eine Datenarchitektur, die beide Logiken bedient, absehbar nicht verloren sind.

Welche Gase das Protokoll erfasst

Das GHG Protocol bilanziert nicht nur Kohlendioxid, sondern die sieben Treibhausgase des Kyoto-Protokolls: Kohlendioxid, Methan, Lachgas, teilfluorierte und perfluorierte Kohlenwasserstoffe, Schwefelhexafluorid und Stickstofftrifluorid. Alle werden über ihr Treibhauspotenzial über 100 Jahre in CO₂-Äquivalente umgerechnet und als eine Zahl ausgewiesen. Deshalb ist die Einheit eines Inventars CO₂e und nicht CO₂.

An dieser Umrechnung hängt eine Entscheidung, die in vielen Bilanzen unausgesprochen bleibt: aus welchem IPCC-Sachstandsbericht die Faktoren stammen. Die Werte des fünften und des sechsten Sachstandsberichts unterscheiden sich, bei Methan zusätzlich danach, ob es fossilen oder biogenen Ursprungs ist. Für ein Unternehmen mit nennenswerten Methanmengen — Landwirtschaft, Abfallwirtschaft, Gasnetze — verschiebt allein die Wahl des Berichtsstands das Ergebnis spürbar. Das Protokoll schreibt deshalb keinen bestimmten Satz vor, sondern verlangt, dass der verwendete dokumentiert und über die Zeitreihe konsistent gehalten wird. Wer die Herkunft seiner Faktoren nicht benennt, hat streng genommen kein konsistentes Inventar.

Wer das GHG Protocol anwenden muss

Formal niemand: Das Protokoll ist ein freiwilliger Standard, kein Gesetz. Verpflichtend sind die Rahmenwerke, die darauf verweisen — und das sind inzwischen fast alle. Die ESRS verlangen Bruttoemissionen nach Scope 1, 2 und 3. Die Science Based Targets initiative setzt ein konformes Inventar voraus, bevor sie ein Ziel überhaupt prüft. CDP, GRI und IFRS S2 bauen auf derselben Scope-Logik auf.

Der praktisch wirksamste Hebel ist aber kein Rahmenwerk, sondern die Lieferkette. Große Abnehmer fordern GHG-konforme Daten vertraglich von ihren Zulieferern, weil sie diese Zahlen für die eigene Scope-3-Bilanz brauchen. Damit erreicht der Standard mittelständische Unternehmen, die selbst nicht berichtspflichtig sind und es auf absehbare Zeit auch nicht werden. Wer in der Vorkette eines berichtenden Konzerns sitzt, wird gefragt werden — die Frage ist nur, ob mit oder ohne Vorlauf.

Relevanz für Unternehmen

Ein GHG-konformes Inventar ist damit weniger eine Berichtspflicht als eine Betriebsgrundlage: Klimaziele, Ratings, Ausschreibungen und Kundenanfragen speisen sich aus derselben Zahl. Wir übernehmen den Aufbau eines GHG-Protocol-konformen Treibhausgasinventars mit prüffester Datengrundlage und führen ihn bis zur Prüffähigkeit nach ISO 14064-3.

Der häufigste Fehler in Bilanzierungsprojekten ist nicht die Rechnung, sondern die Bilanzgrenze. Wird der Kontroll- oder Anteilsansatz erst festgelegt, nachdem die ersten Verbrauchsdaten eingesammelt sind, passt die Datenbasis nicht zur Berichtsgrenze — und die Erhebung beginnt von vorn. Der zweitschwerste Fehler liegt beim Basisjahr: Wer die Neuberechnungspflicht nicht von Anfang an dokumentiert, verliert nach dem ersten Zukauf die Vergleichbarkeit seiner gesamten Zeitreihe. Beides kostet nichts, wenn es am Anfang entschieden wird, und viel, wenn es nachträglich korrigiert werden muss.

Häufige Fragen zum GHG Protocol

01Was ist das GHG Protocol einfach erklärt?+

Das GHG Protocol ist ein Regelwerk dafür, wie Organisationen ihre Treibhausgasemissionen zählen und veröffentlichen. Es wurde von World Resources Institute und World Business Council for Sustainable Development herausgegeben, teilt Emissionen in Scope 1, 2 und 3 ein und deckt die sieben Treibhausgase des Kyoto-Protokolls ab. Es ist kein Gesetz, sondern ein freiwilliger Standard — auf den Gesetze und Rahmenwerke wie CSRD, ESRS und SBTi verweisen.

02Ist das GHG Protocol verpflichtend?+

Nicht unmittelbar. Verpflichtend sind die Rahmenwerke, die darauf verweisen: Die ESRS verlangen Bruttoemissionen nach Scope 1, 2 und 3, und die Science Based Targets initiative setzt ein GHG-Protocol-konformes Inventar voraus. Für berichtspflichtige Unternehmen ist die Anwendung damit faktisch unvermeidbar, auch wenn der Standard selbst freiwillig bleibt.

03Was ist der Unterschied zwischen GHG Protocol und ISO 14064?+

Das GHG Protocol liefert die Bilanzierungsmethodik, ISO 14064-1 die prüfbaren Anforderungen an ein Inventar. In der Praxis werden beide kombiniert: das Protokoll als methodische Grundlage, die Norm als formaler Rahmen für die externe Verifizierung. Seit dem 29. Juli 2026 werden beide zu einem gemeinsamen Standard zusammengeführt — die Abgrenzung hat damit eine begrenzte Halbwertszeit.

04Welche Standards gehören zum GHG Protocol?+

Den Kern bilden der Corporate Accounting and Reporting Standard, die Scope 2 Guidance, der Corporate Value Chain Standard für die 15 Scope-3-Kategorien und der Product Life Cycle Standard. Hinzugekommen ist der Land Sector and Removals Standard, veröffentlicht am 30. Januar 2026, aktuell in Version 1.1 vom Juni 2026, mit Geltungsbeginn zum 1. Januar 2027.

05Was ändert sich gerade am GHG Protocol?+

Das GHG Protocol überarbeitet seine Corporate Standards für Scope 1, Scope 2 und Scope 3 sowie den neuen Standard zu Maßnahmen und Marktinstrumenten. Die Scope-2-Konsultation ist mit rund 1.100 Rückmeldungen aus 56 Ländern abgeschlossen. Eine integrierte öffentliche Konsultation zum künftigen gemeinsamen Corporate Standard ist für das zweite Quartal 2027 angekündigt.

Quellen

  1. World Resources Institute und World Business Council for Sustainable Development: GHG Protocol Corporate Accounting and Reporting Standard, revidierte Fassung 2015.
  2. GHG Protocol: Land Sector and Removals Standard, Version 1.1, 2026.
  3. GHG Protocol: GHG Protocol Announces Key Standard Development Updates, 2026.

Autor: Dr. Merlin C. Köhnke · Stand: September 2026

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