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25.08.2026
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Eine Wesentlichkeitsmatrix (auch Materialitätsmatrix) ist die grafische Darstellung von Nachhaltigkeitsthemen auf zwei Achsen — klassisch die Bedeutung für das Unternehmen gegen die Bedeutung für Stakeholder. Sie visualisiert das Ergebnis einer Wesentlichkeitsanalyse. Vorgeschrieben ist sie in keinem aktuellen Berichtsstandard.
Die drei Begriffe werden im Projektalltag synonym verwendet, bezeichnen aber unterschiedliche Dinge: ein Verfahren, ein Ergebnis und eine Darstellungsform. Nur das Ergebnis ist berichtspflichtig.
Weder die ESRS noch die GRI-Standards fordern eine Matrix. ESRS 1 Absatz 28 der Delegierten Verordnung (EU) 2023/2772 bestimmt, dass ein Nachhaltigkeitsaspekt wesentlich ist, „wenn er die Kriterien für die Wesentlichkeit der Auswirkungen […] oder für die finanzielle Wesentlichkeit […] oder für beide erfüllt". Verlangt wird die Beschreibung des Verfahrens, nicht ein Bild.
Die EFRAG-Anwendungshilfe IG 1 „Materiality Assessment" (Mai 2024) zeigt zwar Beispielgrafiken, bezeichnet sie aber ausdrücklich als „illustration of a possible approach to visualisation". Als Ergebnis der Analyse nennt sie die Liste der wesentlichen Auswirkungen, Risiken und Chancen.
Auf GRI-Seite ist die Matrix älter, aber ebenfalls entfallen: Die Darstellung stammt aus GRI 101: Foundation 2016 und wurde bei der Revision 2021 nicht in GRI 1: Foundation 2021 übernommen. Wer heute eine Matrix zeigt, folgt damit einem Standard, den es seit fünf Jahren nicht mehr gibt.
Die Matrix ist als Kommunikationsmittel unproblematisch und für Aufsichtsräte oft das verständlichste Format. Zum Problem wird sie, sobald sie von der Darstellung zum Entscheidungswerkzeug wird — und genau das passiert regelmäßig.
Der methodische Fehler liegt in der Verknüpfung der Achsen. Die klassische Matrix liest Wesentlichkeit aus der Nähe zur oberen rechten Ecke ab, rechnet also implizit ein Produkt oder einen Mittelwert der beiden Achsen. ESRS 1 Absatz 28 verknüpft die beiden Perspektiven dagegen mit „oder". Ein Thema mit schwerer Auswirkung auf Menschen und ohne erkennbare Finanzwirkung ist nach ESRS wesentlich — in der Matrix landet es in der Mitte und fällt heraus. Betroffen sind vor allem Menschenrechts- und Biodiversitätsthemen, deren finanzielle Relevanz sich erst über längere Zeithorizonte zeigt.
Nach unserer Projekterfahrung entsteht die Matrix meist nachträglich für den Berichtsteil und wird dann rückwirkend zur Begründung der Themenauswahl erklärt. Der offengelegte Prozess und die tatsächliche Entscheidung fallen damit auseinander — und die Prüfung fragt nach der Schwelle und ihrer Herleitung, nicht nach der Grafik. Unsere Einschätzung: Wer die Matrix behalten will, sollte sie als Ergebnisdarstellung führen und die Schwellenwerte je Perspektive getrennt dokumentieren. Zwei getrennte Rangfolgen sind prüffester als ein Bild.
Wo diese Trennung von Anfang an angelegt wird, entfällt die spätere Nacharbeit. Genau darauf zielt unsere Unterstützung beim Aufsetzen der doppelten Wesentlichkeitsanalyse mit prüffesten Schwellenwerten.
Autor: Dr. Merlin C. Köhnke · Stand: August 2026


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