Glossar

Living Wage (existenzsichernder Lohn)

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Living Wage (existenzsichernder Lohn)

DATUM

18.08.2026

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Ein Living Wage — auf Deutsch existenzsichernder Lohn — ist nach der von der Internationalen Arbeitsorganisation 2024 gebilligten Definition das Lohnniveau, das Beschäftigten und ihren Familien bei normaler Arbeitszeit einen angemessenen Lebensstandard ermöglicht. Er wird länderspezifisch und evidenzbasiert ermittelt und ist deshalb nicht mit dem gesetzlichen Mindestlohn gleichzusetzen.

Abgrenzung: Living Wage, Mindestlohn und Living Income

Die drei Begriffe werden regelmäßig vermischt. Sie unterscheiden sich darin, wer sie festlegt, für wen sie gelten und ob sie einklagbar sind.

KriteriumLiving WageGesetzlicher MindestlohnLiving IncomeBezugsgruppeabhängig Beschäftigteabhängig BeschäftigteHaushalte mit beliebiger Einkommensquelle, vor allem Selbstständige und KleinbäuerinnenFestgelegt durchwissenschaftliche und private Benchmark-AnbieterGesetzgeber oder MindestlohnkommissionBenchmark-Anbieter, methodisch an den Living Wage angelehntRechtsnaturfreiwilliger Referenzwert, kein Anspruchverbindlich und einklagbarfreiwilliger ReferenzwertOrtsbezuglokal, abhängig von Preisniveau und Haushaltsgrößenational, teils branchenbezogenlokalDeutschland 2026kein frei verfügbarer etablierter Benchmark13,90 Euro je Stunde seit 1. Januar 2026kein etablierter Benchmark

Ein global einheitlicher Betrag ist ausgeschlossen: Der Referenzwert hängt von lokalen Preisen für einen Warenkorb, der ortsüblichen Haushaltsgröße und der Zahl der Verdienenden je Haushalt ab. Deshalb existieren Benchmarks je Region, nicht je Unternehmen.

Wie ein existenzsichernder Lohn ermittelt wird

Die ILO hat 2024 keine Rechenformel beschlossen, sondern zehn Prinzipien für die Schätzung — unter anderem evidenzbasierte Methodik, Einbindung von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden, Transparenz über Datenquellen, Angabe ob brutto oder netto, und regelmäßige Anpassung an die Lebenshaltungskosten. Als Mindestumfang des Warenkorbs nennt sie Nahrung, Wohnen, Gesundheit und Bildung sowie weitere notwendige Güter und Dienstleistungen.

Die Berechnung selbst leisten spezialisierte Anbieter. Die Living Wage Roadmap der IDH erkennt drei Methodiken an: die Anker-Methodik der Global Living Wage Coalition, die WageIndicator Foundation und das Fair Wage Network. Einen einheitlichen Standard gibt es nicht — die 2025 gestartete Initiative WageMap wurde ausdrücklich gegründet, weil abweichende Methoden zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Wer eine Lohnlücke berechnet, sollte den verwendeten Benchmark deshalb immer mitnennen; ohne diese Angabe ist eine Gap-Zahl nicht nachvollziehbar. Dazu gehört auch, welche Entgeltbestandteile einbezogen wurden: Die Anker-Methodik vergleicht die normale Arbeitszeit und rechnet Überstunden sowie nicht garantierte Boni ausdrücklich heraus.

Für Deutschland ist die Datenlage dünner als oft angenommen: Die Anker-Methodik deckt kein europäisches Land ab, und die frei zugänglichen Werte für Deutschland stammen überwiegend aus Sekundärquellen ohne belastbares Bezugsjahr.

Relevanz für Unternehmen

Der wichtigste Unterschied in der Praxis: Es gibt in der EU keine Pflicht, einen Living Wage zu zahlen — aber eine Pflicht, darüber zu berichten. Die Angabepflicht ESRS S1-10 „Angemessene Entlohnung“ verlangt von berichtspflichtigen Unternehmen die Angabe, ob alle Beschäftigten angemessen entlohnt werden, und falls nicht, die betroffenen Länder und den Prozentsatz der Beschäftigten. Wer das nicht messen kann, kann die Angabe nicht machen.

Zwei Punkte werden dabei regelmäßig übersehen. Erstens enthält ESRS S2 für Arbeitskräfte in der Wertschöpfungskette keine eigene Angabepflicht zu Löhnen — dort ist angemessene Entlohnung nur als Unterthema angelegt. Die Lieferkette kommt über die menschenrechtliche Sorgfaltspflicht ins Spiel: Die CSDDD nennt in Erwägungsgrund 34 und im Menschenrechtsanhang ausdrücklich den existenzsichernden Lohn, gilt nach der Änderungsrichtlinie (EU) 2026/470 vom Februar 2026 aber erst ab Juli 2029 und für einen deutlich engeren Unternehmenskreis. Zweitens hat sich die Bezugsgröße verschoben: Der Europäische Gerichtshof hat am 11. November 2025 in der Rechtssache C-19/23 die verbindlichen Angemessenheitskriterien der EU-Mindestlohnrichtlinie für nichtig erklärt. Die überarbeiteten ESRS orientieren die Benchmark-Wahl entsprechend neu an den ILO-Prinzipien statt an Mindestlohn-Hilfsgrößen.

Im EcoVadis-Rating fragt die Bewertung seit 2023 Policies, Maßnahmen und Ergebnisse zu existenzsichernden Löhnen ab. Die von EcoVadis veröffentlichten Netzwerkdaten zeigen dabei ein aufschlussreiches Muster: Der Anteil der Unternehmen mit einer Living-Wage-Policy stieg zwischen 2022 und 2024 von 9 auf 13 Prozent, der Anteil mit Maßnahmen zur Schließung der Lohnlücke blieb bei rund 8 Prozent. Eine Selbstverpflichtung zu formulieren ist inzwischen verbreitet, die Lücke zu messen und zu schließen nicht. Die Aussage „wir zahlen über Mindestlohn“ beantwortet die Frage nicht, weil Mindestlohn-Compliance und Living-Wage-Performance zwei verschiedene Prüfungen sind. Hinzu kommt eine Frist, die oft übersehen wird: EcoVadis erkennt Policies und Maßnahmen acht Jahre lang als Nachweis an, Kennzahlenberichterstattung dagegen nur zwei Jahre. Eine Lohnlückenanalyse ist damit kein einmaliges Projekt, sondern ein Zustand, der abläuft.

Unsere Empfehlung: die Lohnlücke zuerst für die eigene Belegschaft an den Standorten mit dem größten Beschäftigtenanteil ermitteln, bevor Lieferantenprogramme aufgesetzt werden. Dagegen spricht, dass die materiellen Risiken meist nicht in der eigenen Belegschaft liegen, sondern in vorgelagerten Stufen — wer dort nicht hinsieht, misst am falschen Ort. Der pragmatische Grund für die Reihenfolge ist trotzdem tragfähig: Die eigene Lohndatenbasis ist vorhanden und prüfbar, die der Lieferanten nicht, und ohne eigene Methodik lässt sich von Lieferanten nichts Belastbares einfordern. Five Glaciers Consulting begleitet die Umsetzung der Berichtspflichten nach CSRD und ESRS und ordnet die Lohnangaben in die Wesentlichkeitsanalyse ein.

Häufige Fragen zum existenzsichernden Lohn

Was ist der Unterschied zwischen Living Wage und Mindestlohn?

Der gesetzliche Mindestlohn wird staatlich festgelegt und ist einklagbar; in Deutschland liegt er seit dem 1. Januar 2026 bei 13,90 Euro je Stunde. Ein Living Wage ist ein freiwilliger Referenzwert, der aus den tatsächlichen Lebenshaltungskosten einer Region abgeleitet wird und einen angemessenen Lebensstandard für Beschäftigte und ihre Familien abdecken soll. Beide Werte können auseinanderfallen, und die Einhaltung des Mindestlohns belegt nicht, dass ein existenzsichernder Lohn gezahlt wird.

Sind Unternehmen verpflichtet, einen existenzsichernden Lohn zu zahlen?

Nein. Eine Zahlungspflicht ergibt sich in der EU nur aus dem nationalen Mindestlohnrecht. Der Living Wage ist ein freiwilliger Referenzwert. Verbindlich sind die Berichtspflicht nach den ESRS und, ab Juli 2029 und für einen engen Unternehmenskreis, die menschenrechtliche Sorgfaltspflicht nach der CSDDD. Ratings wie EcoVadis formulieren eine Erwartung, keine Rechtspflicht.

Wo taucht der existenzsichernde Lohn in den ESRS auf?

In ESRS S1 zur eigenen Belegschaft, Angabepflicht S1-10 „Angemessene Entlohnung“. Sie verlangt die Angabe, ob alle Beschäftigten angemessen entlohnt werden, und andernfalls die betroffenen Länder und den Prozentsatz der Beschäftigten. ESRS S2 zu Arbeitskräften in der Wertschöpfungskette enthält keine eigene Angabepflicht zu Löhnen; dort ist angemessene Entlohnung nur als Unterthema geführt.

Welche Nachweise erkennt EcoVadis für existenzsichernde Löhne an?

Abgefragt werden Policies, Maßnahmen und Ergebnisse. Als Nachweis zählt nur, was im eingereichten Dokument selbst steht — der Verweis auf eine Benchmark-Datenbank genügt nicht, Wert und Quelle müssen im Dokument enthalten sein. Policies und Maßnahmen gelten acht Jahre, Kennzahlen zwei Jahre. Welchem Bewertungskriterium EcoVadis das Thema zuordnet, ist öffentlich nicht dokumentiert; belegt ist nur die Zuordnung zum Themenbereich Arbeits- und Menschenrechte.

Wie wählt ein Unternehmen den passenden Benchmark aus?

Es gibt keinen einheitlichen Standard. Die Living Wage Roadmap der IDH erkennt drei Methodiken an: die Anker-Methodik der Global Living Wage Coalition, die WageIndicator Foundation und das Fair Wage Network. Weil unterschiedliche Methodiken zu unterschiedlichen Werten führen, sollte die Wahl einmal begründet, dann über die Jahre beibehalten und in der Berichterstattung offengelegt werden. Ein Benchmarkwechsel verändert die ausgewiesene Lohnlücke, ohne dass sich an der Bezahlung etwas geändert hat.

Quellen

  1. International Labour Organization: Adopted Conclusions, Meeting of Experts on wage policies, including living wages (MEWPLW/2024/7), 2024.
  2. Europäische Union: Delegierte Verordnung (EU) 2023/2772 der Kommission vom 31. Juli 2023 (ESRS Set 1), ESRS S1-10, 2023.
  3. EcoVadis: Understanding supporting documents, 2026 (Nachweisanforderungen und Gültigkeitsfristen).

Autorin: Paulin Streit· Stand: August 2026

Berg im Hintergrund - Symbolbild von Five Glaciers Consulting für Kontaktseite

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Wanderung hoch auf einen Berg - Symbolbild von Five Glaciers Consulting für Kontaktseite

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